Farbkonstanz und Kommunikation

Leon Wagner 07.11.2019

Aus der Welt der Farbwahrnehmung

Unsere Farbwahrnehmung ist mit dem Auge auf eines der wohl faszinierendsten Organe des menschlichen K√∂rpers zur√ľckzuf√ľhren. Es erm√∂glicht die Aufnahme von Lichtreizen, die im Sehzentrum des Gehirns zu einer optischen Wahrnehmung verarbeitet werden und sorgt somit f√ľr das Sehverm√∂gen. Die Beschaffenheit des menschlichen Auges ist grob gesagt bei jedem Individuum identisch, bestehend aus Augapfel, Bindehaut und Sehnerv.
F√ľr die besagte Farbwahrnehmung sind unterschiedliche Farbrezeptoren in der Netzhaut des Auges zust√§ndig, die jeweils gegen√ľber bestimmten Bereichen des Lichtspektrums empfindlich sind. Vorausgesetzt die Aufnahme und Weiterleitung dieser Farbreize ist nicht gest√∂rt, k√∂nnte man meinen, wir alle sehen gleiche Farben. Das Ph√§nomen #thedress beweist jedoch das Gegenteil.

#thedress

Am 26. Februar 2015 ging ein Foto √ľber Nacht viral. Auf dem Bild ist ein Kleid abgebildet, das unter dem Hashtag ‚Äěthedress‚Äú eine hitzige Debatte in den sozialen Netzwerken ausl√∂ste. Man war sich uneinig ob das abgebildete Kleid schwarz-blau oder wei√ü-gold gef√§rbt sei. Die Parteien #whiteandgold und #blackandblue warfen einander teils Farbenblindheit, Dummheit oder Irref√ľhrung vor. Wie kann so ein gewaltiger Unterschied der Wahrnehmung m√∂glich sein?
#thedress
Schematische Abbildung des Fotos - Original u.a. auf Wikipedia - the dress - (11.02.2019)
Nachdem das Bild des Kleides unter #thedress an die √Ėffentlichkeit gekommen war, widmeten sich dem Ph√§nomen zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Bevil Conway, Associate Professor of Neuroscience am Wellesley College erkl√§rte beispielsweise: ‚ÄúDas ist eines der ersten (dokumentierten) Beispiele daf√ľr, wenn nicht das erste √ľberhaupt, dass Menschen genau den gleichen physischen Gegenstand betrachten und sehr unterschiedliche Farben sehen.‚Äú
In den Arbeiten wurde der Fall unter anderem per Stichmenge darauf untersucht, wie die Mehrheit der Menschen das Kleid sah, um herausfinden, welche Farbdeutung am häufigsten vorkam. Es stellte sich heraus, dass bei den Probanden mehr als nur zwei mögliche Farbkombinationen in Frage kamen. Die Farbinterpretation bewegte sich um die Farben schwarz und blau bzw. weiß und gold in einem gewissen Spektrum an Farben und Farbabstufungen. Nicht alle aus dem Lager #blackandwhite sahen somit exakt den gleichen Blauton usw.

Farbkonstanz

Mit der Frage, warum es √ľberhaupt zu unterschiedlichen Farbdeutungen kam, besch√§ftigte sich Alissa Winkler zusammen mit einer Gruppe von Forschern an der University of Nevada. Ziel war es, das Ph√§nomen mittels einer Studie auf das Thema der sogenannten Farbkonstanz zu untersuchen. Darunter versteht man die Eigenschaft des menschlichen Sehens, unabh√§ngig von unterschiedlichen nat√ľrlichen Beleuchtungsbedingungen, zu verschiedenen Zeitpunkten ein und demselben Gegenstand dieselbe K√∂rperfarbe zuzuordnen. Dem Sehsinn gelingt durch die Farbkonstanz das Kompensieren von Lichtunterschieden, was dazu f√ľhrt, dass man beispielsweise sowohl unter strahlender Sonne, als auch im Schatten bei einem roten Ball den gleichen Farbwert wahrnimmt, obwohl das von ihm reflektierte Licht, welches von den Farbrezeptoren in der Netzhaut des Auges aufgenommen wird, unterschiedliche Wellenl√§ngen aufweist.
Es zeigte sich zudem, dass eine Blau-Gelb-Asymmetrie existiert. Der Mensch nimmt eine Oberfl√§che eher als grau oder wei√ü wahr, wenn diese leicht bl√§ulich ist, als wenn sie einen Gelb-, Rot- oder Gr√ľnstich aufweist. Grund daf√ľr ist, dass man Blaut√∂ne Lichtquellen wie dem Himmel entnimmt. In dem Falle des Kleides ist die tats√§chliche Lichtsituation schwer zu erkennen, weil das Kleid einen sehr gro√üen Teil des Bildes einnimmt und das Gehirn somit gezwungen ist, √ľber die Beleuchtung zu mutma√üen. Menschen, die das Kleid in den Farben wei√ü und gold sehen, interpretieren es beispielsweise in einen Raum mit blauem Licht hinein, wie es der Fall w√§re, wenn Tageslicht durch ein Fenster in der N√§he scheinen w√ľrde, w√§hrend Menschen, die das Kleid in den Farben schwarz und blau sehen, es eher in einen Raum mit k√ľnstlichem bzw. gelbem Licht hineininterpretieren. Die Farben k√∂nnen also im Zuge der Farbkonstanz entweder als Ergebnis der Beleuchtung oder als die eigentlichen Farben des Stoffes interpretiert werden.
Es wird sogar vermutet, dass ein Zusammenhang zwischen Farbinterpretation und Schlafenszeit besteht. Wer abends sp√§ter schlafen geht und morgens sp√§ter aufsteht, neige eher dazu das Kleid schwarz-blau zu sehen, da er k√ľnstlichem Lampenlicht l√§nger ausgesetzt ist, als jemand, der fr√ľher schlafen geht und fr√ľher aufsteht, somit st√§rker an Tageslicht gew√∂hnt ist und das Kleid eher wei√ü-gold sieht. Durch den hohen Blauanteil im Sonnenlicht ist das Gehirn des Fr√ľhaufstehers darauf programmiert, blaue Anteile im Licht herauszufiltern, w√§hrend das des Langschl√§fers durch die hohen r√∂tlichen und gelblichen Anteile im Lampenlicht wiederum darauf eingestellt ist, diese zu korrigieren. Bevil Conway schreibt dazu, dass der Vorfall ein bedeutendes Thema in der Wissenschaft sei, weil es dazu diene, nachzuvollziehen, wie die Verarbeitung von Mehrdeutigkeit im Gehirn vonstatten geht. Zur Aufl√∂sung: Das Kleid ist in Wahrheit schwarz-blau.
Wahrheit

√Ąhnliche T√§uschungen

Es gibt verschiedene optische T√§uschungen, in denen man √§hnlich wie bei #thedress das Ph√§nomen Farbkonstanz zur Schau stellen kann. Ein Beispiel ist die folgende Darstellung eines Zauberw√ľrfels.
Zauberw√ľrfel
Man sieht zwei Seiten des W√ľrfels, die eine wird von schr√§g oben beleuchtet und die andere liegt im Schatten. Es geht hierbei um die beiden mittleren Steine der jeweiligen Seite. Die Frage, welche Farbe diese haben, w√ľrde man am ehesten mit braun auf der belichteten Seite und orange auf der Schattenseite beantwortet. In Wahrheit handelt es sich jedoch um ein und dieselbe Farbe, wie man hier sehen kann.
Zauberw√ľrfel - Farbvergleich
Im Grunde passiert hier nichts anderes als bei #thedress. Das Gehirn adaptiert die Farbe des Mittelsteines auf der Schattenseite an seine Umgebung und nimmt eine Korrektur vor. Man ist es gewohnt, dass Gegenst√§nde von Schatten verdunkelt werden, was dazu f√ľhrt, dass die Farbe heller gedeutet wird.

Auswertung auf kreativer Ebene

In dem Fachbereich der visuellen Kommunikation sind Farben und ihre Wirkung auf den Betrachter ein wesentlicher Faktor. Tagtäglich haben Mediengestalter damit zu tun, gewisse Farben, sei es in Form von Farbflächen oder Farbstimmungen in Fotografien, in einen semantischen Kontext zu setzen. Dabei werden durch Farben und Kontraste Stimmungen, Emotionen oder Signalwirkungen erzeugt oder verdeutlicht. In jeder Form der visuellen Gestaltung, sei es Kunst oder Interaction Design, wird Wert daraufgelegt, dass die konzeptuelle Farb-Idee des Gestalters alle Betrachter bzw. Benutzer gleichermaßen erreicht.
Resultierend aus der Forschung √ľber Farbwahrnehmung, -interpretation und -konstanz l√§sst sich jedoch sagen, dass nicht immer Eindeutigkeit und Einigkeit bei Farbnuancen herrscht, weil unser Gehirn unterbewusst in der Lage ist, Farbwerte zu filtern und umzuinterpretieren.
Diese Korrekturen beruhen auf individuellen lichtsituativen Erfahrungswerten, weshalb die Wahrnehmung mancher Farb- und Lichtstimmungen in Fotos, Artworks, User Interfaces etc. von Mensch zu Mensch variieren kann.
Als Gestalter kann man dies umgehen, indem man beispielsweise gr√∂√üeren Wert auf eindeutige Kommunikation durch Zeichen, Schrift und Bildmotive und weniger auf Farbstimmungen legt oder Farbkontraste und deutliche Farben wie die Signalfarbe Rot bevorzugt einsetzt. Des Weiteren k√∂nnte man die Schlafgewohnheiten des Zielgruppen-Klientels mit in Betracht ziehen. Bei jungen Disco-Besuchern kann man zum Beispiel davon ausgehen, dass sie nachts lange wach sind und somit l√§nger unter dem Einfluss k√ľnstlichen Lichts stehen. F√ľr jemanden, der beauftragt ist, eine Anzeige, Webseite oder App f√ľr einen Nachtclub zu gestalten, bedeutet das, dass er gr√∂√üere Rot- und Gelbanteile in seiner Gestaltung unterbringen m√ľsste, da seine Zielgruppe eher darauf gepolt ist, diese herauszufiltern.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Aussage von Bevil Conway √ľber die Bedeutsamkeit des Themas in der Wissenschaft nichts hinzuzuf√ľgen ist.


Literaturquellen
Leon Wagner

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