Compliance

Der Aufstieg der Blockchain

Krypto-Kunst und NFTs rütteln den Markt auf

Fabian Ulich
Fabian Ulich

Consultant

14.06.2021 Lesedauer ca. 14 Min.

Manchen von euch ist das Thema Blockchain mittlerweile sicher schon begegnet. In der Praxis sind die Einsätze noch rar, dafür aber umso spannender. Ein in der letzten Zeit immer stärker diskutiertes Thema sind NFTs (non fungible token).

Was sind in diesem Zusammenhang Token? Was sind in diesem Zusammenhang Token?

Ein Token ist die digitalisierte Form eines Vermögenswertes. Ein Token besitzt also einen gewissen Wert oder eine bestimmte Funktion. Es können allerdings auch „echte“ Vermögenswerte wie Immobilien oder eben Bild- / Musikrechte tokenisiert werden, indem die damit verbundenen Rechte und Pflichten auf den Token überschrieben werden. Die Besitzverhältnisse werden so digital abgebildet und sind somit handelbar.

Ein Token kann sowohl fungible (austauschbar) als auch non-fungible (nicht austauschbar) sein. Im Grunde bedeutet „nicht austauschbar“ in diesem Sinne nur, dass es sich um einen einzigartigen digitalen Vermögenswert handelt, der nicht eins zu eins gegen einen anderen getauscht werden kann. Anders sieht es zum Beispiel bei den fungible Token wie Kryptowährungen (z. B. Bitcoin oder Ether) aus: Diese lassen sich beliebig tauschen, da sie immer denselben Wert haben. Ebenso verhält es sich mit Bargeld: Ein Zehn-Euro-Schein hat denselben Wert wie ein anderer Zehn-Euro-Schein und könnte ebenfalls als fungible Token bezeichnet werden.

Was ist eine Blockchain / Was sind NFTs? Was ist eine Blockchain / Was sind NFTs?

NFTs (non fungible token) basieren wie Kryptowährungen auf einer Blockchain (wie z. B. die Bitcoin Blockchain oder die Ethereum Blockchain), also einer dezentralen Datenbank. Vereinfacht gesagt setzt sich diese aus Informationsblöcken zusammen, welche wie die Glieder einer Kette aneinandergereiht sind. Jeder Block wiederum enthält gewisse Daten sowie den eigenen und den Hashwert des vorherigen Blocks. Die Daten, die in einem Block gespeichert werden, können zum Beispiel die Transaktionsdetails von Kryptowährungen oder NFTs beinhalten: Verkäuferin, Käuferin und die Transaktionssumme. Den Hashwert kann man sich wie einen elektronischen Fingerabdruck vorstellen. Er ist immer einzigartig und dient zur Identifizierung des jeweiligen Blocks. Da jeder Block auch den Hashwert des Vorgängers enthält, entsteht eine Kette (Blockchain). Diese basiert auf einem Peer-to-Peer-Network, also einem Netzwerk von gleichberechtigten Computern, die alle eine vollständige Kopie der Blockchain besitzen. Wird ein neuer Informationsblock erstellt, erhalten alle Computer im Netzwerk diese Information, gleichen sie ab und bestätigen dann die Eingliederung. Sollte eine Person versuchen, einen Block mit Fehlinformationen in die Blockchain zu integrieren, müsste man diesen in alle Kopien derselben einspeisen. Da dies nahezu unmöglich ist, stellt die Blockchain eine äußerst sichere Variante der Datenspeicherung dar.

Ein NFT ist also ein auf einer Blockchain beruhender, einzigartiger Token, der auch nicht durch andere Token austauschbar ist. Mit NFTs kann somit eine einzigartige Signatur für digitale Inhalte erstellt werden. Dies unterscheidet die NFTs von den fungible Token (austauschbaren Token) wie Kryptowährungen (Beispielsweise Bitcoin oder Ether).

Durch diese Möglichkeit digitale Inhalte mit den Token zu signieren ist das Prinzip der Einzigartigkeit von der analogen in die digitale Welt übertragen worden und ermöglicht es nun einen digitalen Inhalt fälschungssicher zu signieren. Dies muss kein Bild sein sondern kann auch jeglicher anderer digitaler Inhalt sein wie z. B. ein Video, ein Social Media Beitrag oder ein Gegenstand eines Spiels.

Die bunte Welt der NFTs Die bunte Welt der NFTs

Obwohl der erste NFT bereits 2014 erstellt wurde, ist das Interesse an der Technologie im Kunst- und Sammlerumfeld erst im Jahre 2020 geweckt worden und gipfelte bisher im Verkauf des vom Künstler Beeple im JPG Format erstellen Digitalwerkes „Everydays: The First 5000 Days“, welches für über 56 Mio Euro versteigert wurde.

Weitere Beispiele für NFTs:

Mit Cryptopunks / Cryptokitties sind 2017 die ersten Blockchain Spiele veröffentlicht worden, bei welchen die Charaktere bzw. Katzen jeweils als ein NFT Token erstellt worden sind. Diese sind kombinier-, tausch- und handelbar.

Eine Cryptokitty
Abbildung 1: Eine Cryptokitty

Die Nyan Cat wurde zu ihrem 10-jährigen Jubiläum von seinem Gründer als NFT für 300 Ether (damals ca. 550.000€) verkauft.

Die Nyan Cat
Abbildung 2: Die Nyan Cat

Das populäre Meme „Disaster Girl“ wurde in diesem Jahr von der 2005 zufällig „berühmt“ gewordenen Zoë Roth als NFT für 180 Ether verkauft (zum Zeitpunkt über 450.000€).

Disaster Girl
Abbildung 3: Disaster Girl

Der Twitter Mitgründer und CEO Jack Dorsey hat seinen ersten Tweet „just setting up my twttr“ für 1630 Ether (zum Zeitpunkt ca. 2,4 Mio €) versteigert.

Mit „Decentraland“ wurde eine virtuelle Spielwelt auf Basis von NFTs geschaffen (ähnlich wie das Spiel „Second Life“), in welcher alles über NFTs abgebildet wird und handelbar ist. Angefangen beim Log-In mit Ethereum Wallet über das Spieleraussehen, Grundstücke, Häuser bis zum NFT Kunstwerk im virtuellen Auktionshaus ist alles über NFTs dargestellt.

Mit NBA Top Shots wurde das Prinzip der Sammelkarten in die digitale Welt überführt. Jede Karte ist mit einem NFT ausgestattet und repräsentiert damit das Pendant zur analogen / papierhaften Sammelkarte. Wie in der analogen Welt können die NFT „Sammelkarten“ getauscht bzw. gehandelt werden.

Rechtliches / „Gehört“ mir der Inhalt, wenn ich den Token bekomme? Rechtliches / „Gehört“ mir der Inhalt, wenn ich den Token bekomme?

Das Eigentum an einem NFT gewährt nicht automatisch ein Urheberrecht an dem digitalen Inhalt, den der Token repräsentiert. Zwar kann jemand ein NFT verkaufen, welcher sein Werk repräsentiert, der Käufer erhält jedoch nicht notwendigerweise das Urheberrecht. Ein Künstler kann durch solch eine Vorgehensweise limitierte Auflagen digitaler Inhalte erstellen, in diesem Fall ist einen NFT lediglich ein Eigentumsnachweis, der von einem Urheberrecht getrennt ist.

Da die Technologie noch recht neu ist, herrscht rechtlich „wilder Westen“ und sollte bei einem Kauf / Verkauf eines NFT immer klar beschrieben sein.

Warum überhaupt NFTs? Warum überhaupt NFTs?

Wie es bei neuen Dingen oft so ist, gibt es auch beim Thema NFTs eine rege Diskussion um den Sinn der Token. Befürworter der NFTs sehen darin einen optimalen Schutz für digitale Vermögenswerte, da der Token zum einen nicht austauschbar ist und zum anderen die Besitzverhältnisse, Transaktionsdetails, etc. öffentlich einsehbar sowie fälschungssicher sind. Kritiker dagegen sehen in NFTs lediglich die Signatur einer beliebigen Kopie eines digitalen Inhalts, um diesen zum „Original“ zu erklären, schließlich sind Vervielfältigungen der digitalen Inhalte einfach zu erstellen und zu 100% gleich. Zusätzlich gilt, wer ein NFT auf einer Blockchain wie Ethereum besitzt, ist erst einmal auch nur dort als Eigentümer vermerkt. Auf einer anderen Blockchain allerdings könnte das NFT noch einmal erzeugt und angeboten werden. Die Einzigartigkeit wäre damit nicht mehr gegeben. Welche Besitzansprüche in einem solchen Fall genau gelten, ist nach wie vor rechtlich ungeklärt. In diesem Zusammenhang sehen viele Teilnehmende, dass NFTs die Bildung einer Preisblase auf dem Kryptomarkt vorantreiben. Da der Markt extrem volatil ist und es kaum Regelungen gibt, ist dieser Punkt auch nicht von der Hand zu weisen. Ein einfacher Social Media Beitrag von Personen mit großer Reichweite kann ausreichen, um Milliardenbewegungen auszulösen und den Markt zu destabilisieren.

Gibt es überhaupt so etwas wie das „Original“ eines digitalen Inhalts? Gibt es überhaupt so etwas wie das „Original“ eines digitalen Inhalts?

Ein weiterer gerne diskutierter Punkt ist die Frage was „Original“ bei digitalen Inhalten nun eigentlich bedeutet. In der physischen Welt ist dies in der Regel leicht herauszufinden, in der digitalen Welt ist diese Definition dagegen schwierig. Dies kann für manches noch lokalisierbar, aber schwer definierbar sein: Eine Entwicklerin erstellt / programmiert einen virtuellen Gegenstand in einem Spiel. Der den Gegenstand betreffende Code ist dann zu einem Zeitpunkt X im Testsystem des Spiels eingespielt, aber die Frage ist nun, ob dies nun das „Original“ des Gegenstandes ist oder ob es überhaupt jemals ein „Original“ gegeben hat. Auch interessant ist z. B. die Überlegung, ob das „Original“ eines digitalen Fotos die Version ist, die die Kamera auf ihren Speicher abgelegt hat oder die Datei erst durch ein NFT zur einzigartigen „Originalversion“ wird wie z. B. bei der Unterschrift eines Fotos oder einer Autogrammkarte.

NFTs und Nachhaltigkeit NFTs und Nachhaltigkeit

Da ein Großteil der erstellten NFTs auf der Ethererum Blockchain basieren und diese wiederum die (mittlerweile) extrem ressourcenaufwendige Proof-of-Work Methode zur Blockgenerierung nutzt, ist die CO2 Emission von NFTs derzeit erheblich und sie können zu Recht als „Klimasünder“ bezeichnet werden. Derzeit liegt der rechnerische CO2 Abdruck eines einzelnen NFT bei ca. 150 Kg, das ist mehr als ein Linienflugzeug in 1,5 Stunden ausstößt.

Obwohl der Nachhaltigkeitsaspekt für viele NFTs derzeit nicht gegeben ist, kann durch die Nutzung von Blockchains mit z. B. Proof-of-Stake Methode (ein anderes Verfahren zur Blockgenerierung innerhalb einer Blockchain) ein klimafreundlicher NFT erstellt werden.

Ein Beispiel: Die „Prägung“ (Minting) eines NFT auf der Ethereum Blockchain (diese nutzt Proof-of-Work) hat einen rechnerischen Energieaufwand von ca. 180-200 kWh (Kilowattstunde). Mit dieser Energie könnte man auch über 20.000 Tassen Kaffee kochen oder 2 Jahre lang einen Kühlschrank betreiben. Schaut man sich nun das Minting auf einer Blockchain mit Proof-of-Stake Methode wie z. B. Tezos an, liegt der Energieaufwand bei 200 mWh (Milliwattstunde), das ist ein um den Faktor 1,5 Millionen geringerer Energieaufwand als bei Proof-of-Work Blockchains. Zum Vergleich: ein iPhone verbraucht durchschnittlich ca. 3 Watt in der Stunde, also 30.000 mWh.

Durch diesen Vergleich wird deutlich, dass der von Gegnern der Blockchain gerne angesprochene horrende Energieaufwand mit der richtigen Technologie vermeidbar ist und Blockchains sich auch in Sachen Nachhaltigkeit extrem gut aufstellen können.

Künftiger Nutzen von NFTs im Bereich IT-Compliance Künftiger Nutzen von NFTs im Bereich IT-Compliance

Derzeit ist der Praxisnutzen von NFTs noch sehr überschaubar, die Blockchain Technologien entwickeln sich jedoch stetig weiter und bekommen in den nächsten Jahren einen immer wichtigeren Wert auch in der Welt der IT-Compliance. Da NFTs einzigartig und unverfälschbar sind, könnte man mit ihnen künftig auch Ausweise, Abschlüsse oder Zertifikate in der Blockchain speichern. Kombiniert mit einer App könnte man sich somit digital identifizieren. Dieses Prinzip kann natürlich auch auf Objekte oder Software übertragen werden, z. B. ein digitaler Fahrzeugschein eines Autos in welchem der „TÜV-Stempel“ mit einem NFT signiert ist oder das „eichen“ von kritischer Software (z. B. politische Software wie den „Wahlomat“ oder etwa im Bereich der Normen und Messtechnik, z. B. eine DIN Zertifizierung als NFT). Ebenso könnten NFTs die Kommunikation von Maschinen im Bereich Internet of Things zukünftig sicherer gestalten, da eine Möglichkeit zur dezentralisierten, fälschungssicheren Dokumentation vorliegt.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich über NFTs als digitale Kunst, ebenso wie bei physischer Kunst natürlich ewig diskutieren, jedoch empfinde ich NFTs insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie als einen positiven Effekt für Künstlerinnen, Künstler und Content-Produzentinnen. Diese könnten aktuell online kaum Geld verdienen, außer über zentrale Plattformen wie Facebook, Google und Co. Das heißt jedoch auch, sie sind sehr abhängig von diesen Plattformen. Über NFTs oder Micropayments könnten diese Abhängigkeiten abgeschafft werden. Durch ihren dezentralen Aufbau könnten NFTs ebenso weitere Vermittlungsstellen wie physische Auktionshäuser, die teilweise bis zu 25 Prozent Aufschlag verlangen, umgangen werden und auch unbekanntere Künstler zum Zug kommen. In jedem Fall ist der Handel mit der digitalen Kunst ein interessantes Feld und zumindest für einige Künstler tatsächlich eine Chance, ihre Werke anzubieten. Virtuelle Kunst bekommt damit einen Wert, der ihr bislang eher selten zugeschrieben wurde.

Selbstverständlich sind digitale Kunstwerke mit jedem technischen Endgerät unendlich oft vervielfältigbar, doch damit stehen sie physischen Kunstwerken in nichts nach (Fälschungen, Kunstdrucke etc.). Und genau wie ein „echtes“ Gemälde erhalten sie ihren Wert in erster Linie dadurch, dass wir ihn diesen zuschreiben.

Aus technologischer Sicht sehe ich NFTs als einen noch recht neuen, extrem spannenden Bereich der Blockchain, welcher in Zukunft im Bereich der IT-Compliance sicherlich immer stärker Verwendung finden wird. Ob man sich allerdings in Zukunft NFT Kunstwerke statt physischer Kunst kauft, wage ich noch zu bezweifeln. Ich bleibe zunächst bei analoger Kunst, aber vielleicht verbringen wir zukünftig auch mal Zeit im virtuellen NFT Kunstmuseum in Decentraland.

Über Fabian Ulich

Fabian Ulich
Fabian Ulich

Consultant bei der frobese GmbH | Identity- & Access Management Architect bei g2c